Quarz: Wirbel um Staub
Silikose ist eine der ältesten Berufskrankheiten, und immer noch erkranken und sterben daran jedes Jahr weltweit tausende Menschen. Silikose entsteht durch feinsten Quarzstaub, der tief in die Lungen dringt, und zeigt sich als unaufhaltsame Verringerung der Lungenfunktion. Warum gehört diese Krankheit nicht längst der Vergangenheit an?
Quarzstaub wird überall freigesetzt, wo Fels, Stein, Sand oder Beton zerkleinert oder anders bearbeitet wird. Im Bergbau, im Tunnelbau, in Steinbrüchen, bei Steinmetzarbeiten, sind die Quarzstaubwerte am höchsten, aber auch auf jeder Baustelle kommt es zur Belastung der ArbeitnehmerInnen. Beim Sandstrahlen von Oberflächen kann es sowohl durch den Quarzsand, der als Schleifmittel eingesetzt wird, als auch durch den Abrieb von quarzhaltigen Oberflächen zu extrem hohen Belastungen mit Quarzstaub kommen.
Quarz ist eines der häufigsten Minerale der Erdkruste und daher praktisch in allen Gesteinen enthalten. Chemisch gesehen handelt es sich dabei um Siliziumdioxid, und zwar in seiner kristallisierten Form. Das Material ist chemisch sehr beständig, was in vielen Anwendungen von Vorteil ist. In der Industrie ist Quarz eines der wichtigsten Minerale und hat als Baustoff wie als Rohstoff für die Keramik-, Glas- und Zementindustrie Bedeutung.
Schon in der Antike war bekannt, dass die Arbeit in Bergwerken häufig Lungenkrankheiten nach sich zog. Der italienische Arzt Bernardo Ramazzini lieferte um 1.700 eine genaue Beschreibung von Silikose als Berufskrankheit von Steinmetzen. Er gilt gemeinhin als der Begründer der modernen Arbeitsmedizin.
Krankheitsverlauf
Wenn Staub eingeatmet wird, lagern sich größere Teilchen in den oberen Luftwegen ab, vor allem im Nasen- und Rachenbereich, mittelgroße gelangen in die Luftröhre und in die Bronchien, während die kleinsten Teilchen bis in die Lungenbläschen vordringen können. Das gilt zunächst für alle Staubteilchen. Doch wegen seiner chemischen Beständigkeit kann Quarzstaub dort von den Abwehrzellen des Körpers nicht entfernt werden. Ähnliches gilt auch für andere Stäube, die chemisch wenig reaktionsfreudig sind; sie werden alle als „inerte Stäube“ bezeichnet.
Die anhaltenden, aber fruchtlosen Versuche der Abwehrzellen, die Staubteilchen aus dem Körper auszuschleusen, führen mit der Zeit zu Entzündungsreaktionen, und zwar umso rascher, je mehr Staub sich in der Lunge abgelagert hat. In der Folge kommt es zu Schäden an der Lunge, wodurch diese ihre Funktion nicht mehr erfüllen kann. Die für Silikose typische Atemnot ist die Folge. Da die geschädigte Lunge auch anfälliger für bakterielle Infektionen ist, kommt es in vielen Fällen auch zum Auftreten von Tuberkulose, der sogenannten Siliko-Tuberkulose.
Schließlich kann Quarzstaub auch Krebs auslösen. Die biologischen Mechanismen der Krebsentstehung sind noch nicht völlig geklärt. Der von Quarzstaub ausgelöste Lungenkrebs scheint stets als Folge von Silikose aufzutreten. Dementsprechend hat auch die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Teilorganisation der Welt-Gesundheitsorganisation (WHO) Quarzstaub als krebserzeugend eingestuft. Mit dem Sozialversicherungs-Änderungsgesetz 2012 wurde Lungenkrebs als Folge von Silikose in Österreich in die Liste der anerkannten Berufskrankheiten aufgenommen.
Die Zahl der Erkrankungen an Silikose geht in Österreich zurück (siehe Kasten). Dies liegt zum Teil daran, dass die Zahl der Beschäftigten im Bergbau sinkt: Während dort 1970 etwa 15.000 Arbeiterinnen und (vor allem) Arbeiter beschäftigt waren, waren es 2011 nur mehr 3.500, also weniger als ein Viertel. Doch auch strengere Grenzwerte und bessere Maßnahmen zum Schutz der ArbeitnehmerInnen vor Staub trugen wesentlich zur Verringerung der Exposition bei.
Spitze des Eisberges
Bis sich Symptome von Silikose zeigen, kann sehr viel Zeit vergehen („Latenzzeit“). Daher wird bei Symptomen von Lungenschäden in vielen Fällen nicht bedacht, dass eine lang zurückliegende Exposition gegenüber Quarzstaub die Ursache sein kann. Aus diesem Grund ist – wie bei den meisten Berufskrankheiten – anzunehmen, dass die anerkannten Fälle von Berufskrankheiten nur die Spitze des Eisbergs darstellen und die Zahl der beruflich bedingten Erkrankungen an Silkose, die nicht als solche erkannt werden, ein Vielfaches beträgt.
Gerade bei einer Krankheit wie Silikose, die nicht heilbar ist, hat die Vermeidung (Prävention) höchste Priorität. Nachdem bereits in Deutschland ab 1929 und in Österreich ab 1937 erste Schritte zur Verhinderung von Silikose gesetzt wurden, wurde 1949 in Leoben die Österreichische Staub- und Silikose-Bekämpfungsstelle (ÖSBS) ins Leben gerufen. Sie ist eine Teilorganisation der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA). Stand anfangs der Schutz vor Quarzstaub im Vordergrund, weitete die ÖSBS ihren Wirkungsbereich in der Folge auf andere giftige oder krebserzeugende Stäube, z. B. Asbest, aus. Heute wird die Arbeitsplatzatmosphäre auf Stäube, Dieselmotoremissionen, Fasern und Feinstpartikelkonzentrationen untersucht; die Prävention der Staubbelastungen steht im Vordergrund.
EU-Grenzwert
Nach beharrlichen Forderungen des Europäischen Gewerkschaftsbund (EGB) wurde 2017 mit der EU-Richtlinie 2017/2398 Quarzfeinstaub als eindeutig krebserregender Arbeitsstoff eingestuft und ein Grenzwert von 0,05 mg/m³ festgesetzt. Im Zuge der Umsetzung in österreichisches Recht wurde in der Grenzwerteverordnung 2021 der Grenzwert für Quarzfeinstaub (ein MAK-Tagesmittelwert) um 2/3 von 0,15 mg/m³ auf 0,05 mg/m³ gesenkt.
Der EU-weite neue Grenzwert für Quarzstaub in der Richtlinie über krebserzeugende Arbeitsstoffe war ein wichtiger Schritt im Kampf gegen Silikose und gegen Silikose-bedingten Lungenkrebs. Zumindest in Europa könnten diese schrecklichen und oft tödlichen Krankheiten bald der Vergangenheit angehören. Und dies könnte auch ein Beispiel für andere Länder sein, in denen der Kampf gegen Silikose erst beginnt.
Silikose und Siliko-Tuberkulose
Silikose und Siliko-Tuberkulose sind schon in der Stammversion des Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes (ASVG) aus dem Jahr 1955 als Berufskrankheiten aufgelistet. Seit 1. Jänner 2013 ist auch Lungenkrebs in Folge von Silikose als Berufskrankheit anerkannt.
Berufskrankheiten: Silikose oder Siliko-Tuberkulose
In Österreich wurden von 2000 bis 2011 insgesamt 460 Fälle von Silikose oder Siliko-Tuberkulose als Berufskrankheiten anerkannt, 134 Fälle (etwa 30%) davon verliefen tödlich. Diese Zahlen sind um einiges geringer als in den 1950er und 1960er Jahren, als jährlich mehrere hundert Fälle anerkannt wurden. Noch weiter verbreitet war Silikose in den 1920er und 1930er Jahren, als es Bergbauregionen gab, wo fast 60% der Bergleute nach höchstens 15 Berufsjahren erkrankt waren. Zu dieser Zeit erlebten nur drei Prozent der Bergleute das 60. Lebensjahr, das durchschnittlich erreichte Lebensalter lag bei 47 Jahren.
- Autor: Dr. Christoph Streissler ist Chemiker und Mitarbeiter der Abteilung Umwelt & Verkehr in der AK Wien.
- Quelle: Wirtschaft & Umwelt - Zeitschrift für Umweltpolitik und Nachhaltigkeit, www.ak-umwelt.at (von der Gesunde Arbeit-Redaktion gekürzt und aktualisiert am 29.7.2024)