Gewaltprävention: Gewerkschafts-Tagung schuf Bewusstsein
Auf der Gewaltpräventionstagung „Auch du! Handeln statt gaffen!“ diskutierten 320 Besucher:innen über Opferschutz und Prävention. Es braucht mehr Sicherheit am Arbeitsplatz.
Zivilcourage heißt, nicht wegzuschauen, wenn jemand in Schwierigkeiten steckt, sondern mutig und aktiv Hilfe anbieten. Dies nahm sich die Gewaltpräventionstagung „Auch du! Handeln statt gaffen!“ zum Thema, die am Mittwoch, den 26. März, im ÖGB-Haus Catamaran stattfand. Veranstalter:innen waren die Arbeiterkammer (AK) Wien, der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB), die Gewerkschaften vida, GPA und GÖD, sowie der Verein Weisser Ring für Verbrechensopferhilfe. Ihrer Einladung folgten rund 320 Teilnehmer:innen, die mit Expert:innen über Prävention, Opferschutz und den Umgang mit Gewalt diskutierten.
Sichere Arbeitsplätze gefordert
Renate Anderl, Präsidentin der Arbeiterkammer, eröffnete die Veranstaltung mit einem Appell: „Gewalt am Arbeitsplatz nimmt leider immer mehr zu. Die Arbeitgeber müssen dafür sorgen, dass es bei der Arbeit keinen Platz für Gewalt gibt und in Abstimmung mit Betriebsräten und Personalvertretungen Maßnahmen entwickeln, um die Beschäftigten zu schützen.“
Christa Hörmann, stv. Bundesfrauenvorsitzende ÖGB, erklärte, wie wichtig Gewaltprävention vor allem für Frauen sei, die oftmals besonders betroffen sind: „Frauen haben das Recht auf ein finanziell unabhängiges, selbstbestimmtes, gewaltfreies Leben. Gewaltprävention ist nicht nur eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sondern muss auch in der Arbeitswelt einen hohen Stellenwert haben". Gewalt am Arbeitsplatz habe viele Formen – von psychischem Druck über Mobbing bis hin zu körperlichen Übergriffen. „Als Gewerkschaften setzen wir uns dafür ein, dass Betroffene geschützt werden, klare Maßnahmen zur Prävention ergriffen werden und Gewalt keinen Platz in der Arbeitswelt hat“, so Hörmann.
Gewalt am Arbeitsplatz nimmt leider immer mehr zu. Die Arbeitgeber müssen dafür sorgen, dass es bei der Arbeit keinen Platz für Gewalt gibt und in Abstimmung mit Betriebsräten und Personalvertretungen Maßnahmen entwickeln, um die Beschäftigten zu schützen.
Gewalt raus aus der Tabuzone
Olivia Janisch, stv. Vorsitzende der Gewerkschaft vida, betonte, dass Übergriffe jeglicher Art weder bagatellisiert noch tabuisiert werden dürfen. Einen Beitrag dafür lieferte die Gewaltpräventionstagung: „Mit unserer gemeinsamen gewerkschaftlichen Tagung sprechen wir darüber, wie gewalttätigen Übergriffen begegnet werden und Gewaltprävention gelingen kann. Es ist unsere Aufgabe, für den Schutz der Kolleg:innen am Arbeitsplatz einzutreten und ein respektvolles Arbeitsumfeld zu fordern. Kolleg:innen dürfen nicht Ziel von Gewalt werden! Wir sind als Gewerkschaften gefordert und auch als Gesellschaft.“
Mario Ferrari, Geschäftsführer der GPA Wien, verdeutlichte in seinem Statement den Zusammenhang zwischen Gesellschaft und Individuum: „In einer Zeit, in der gesellschaftliche Spannungen insgesamt zunehmen und die Polarisierung wächst, ist es besonders wichtig, in allen Lebensbereichen mit konkreten Handlungen gegenzusteuern. Der Arbeitsplatz ist einer dieser zentralen Orte, in denen wir als Interessensvertretung aktiv werden. Dabei muss klar sein: Gewalt bei der Arbeit ist kein individuelles Problem, sondern vor allem auch eine strukturelle Herausforderung, die strukturelle Antworten braucht und die Arbeitgeber tragen dabei eine besondere Verantwortung, ihre Beschäftigten so gut wie möglich zu schützen.“
Schutzmaßnahmen für Betroffene
Eckehard Quin, Vorsitzender der GÖD, erklärte, dass die Gewaltbereitschaft gegenüber öffentlich Bediensteten ein besorgniserregendes Ausmaß angenommen habe, und nannte ein konkretes Präventionsbeispiel aus seinem Bereich: „Die Ausweitung des Wachebediensteten-Hilfeleistungsgesetzes auf alle Bundesbediensteten war ein wichtiger Schritt. Es müssen jedoch auch Prävention und Schutzmaßnahmen weiter ausgebaut werden. Die Sicherheit der Kolleginnen und Kollegen, die täglich unverzichtbare Leistungen für unsere Gesellschaft erbringen, muss oberste Priorität haben.“
Natascha Smertnig zeigte sich erfreut, als Geschäftsführerin des Vereins Weisser Ring wieder an der Gewaltpräventionstagung teilnehmen zu können: „Menschen können überall Gewalt erfahren – auch am Arbeitsplatz. Veranstaltungen wie diese sind wesentlich, damit Betroffene ihre potenziell traumatisierenden Erfahrungen gut verarbeiten können.“
Prävention in Betrieben wirkt
Holger Pressel von der Gesundheitskasse AOK Baden-Württemberg betonte in seiner Keynote die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Blicks auf das Phänomen Gewalt am Arbeitsplatz. In seinem Fachbuch Aggression und Gewalt am Arbeitsplatz beschreibt er die unterschiedlichen Gesichter von Gewalt – von psychischer Belastung und sexueller Belästigung über Stalking bis hin zu physischen Angriffen und sogar Amokläufen. Pressel stellte klar, dass Gewalt oft tiefere strukturelle und soziale Ursachen hat, und sprach sich für eine Unternehmenskultur aus, in der das Thema nicht tabuisiert wird: „Zahlreiche Vorfälle in der Arbeit werden nicht gemeldet, entweder aufgrund von Scham oder weil Betroffene glauben, es wird sich eh nichts ändern. Führungskräfte, aber auch Gewerkschaften und Betriebsräte können etwas dagegen tun, indem sie das Meldewesen in ihrem Betrieb fördern“. Und er machte Mut: „Gewaltprävention lohnt sich tatsächlich“.
Zivilcourage im Fokus
In weiteren Programmpunkten informierten sich die Teilnehmer:innen der Gewaltpräventionstagung zu Themen wie Sicherheit im öffentlichen Verkehr, Konfliktlösung am Arbeitsplatz, Gewalt im Bildungsbereich und ILO 190, dem Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation, das sich explizit mit Gewalt und Belästigung in der Arbeitswelt befasst. Diverse Kulturbeiträge, Infostände und Vernetzungsmöglichkeiten lockerten das Programm auf. Die Tagung machte deutlich: Gewaltprävention beginnt mit klaren Regeln, guter Schulung und einer engagierten Interessenvertretung – aber sie braucht auch den Mut und die Zivilcourage jeder und jedes Einzelnen.
Presseaussendung des ÖGB